Der Beobachter bestimmt, was er beobachtet.
Was ist ein Beobachter im systemischen Sinne?
Im systemischen Sinne ist ein Beobachter jede Einheit, die Unterscheidungen trifft und bezeichnet – und dabei immer einen blinden Fleck erzeugt: die Unterscheidung selbst, mit der beobachtet wird. Heinz von Foerster und Humberto Maturana haben dieses Konzept ausgearbeitet: Der Beobachter bringt seine Welt durch das Beobachten hervor. Das klingt philosophisch, hat aber praktische Konsequenzen: Was ein Beobachter wahrnimmt, hängt nicht nur von der Realität ab, sondern von den Unterscheidungen, die er verwendet. Wer nur Risiken unterscheidet, sieht keine Chancen – nicht weil keine da sind, sondern weil die Unterscheidung „Chance" nicht aktiviert ist.
Was ist Beobachtung zweiter Ordnung?
Beobachtung zweiter Ordnung bedeutet: den Beobachter beobachten – also nicht nur wahrnehmen, was jemand sieht, sondern wie er sieht, mit welchen Unterscheidungen er operiert. Erste Ordnung: Sie beobachten einen Konflikt. Zweite Ordnung: Sie beobachten, mit welchen Unterscheidungen Sie diesen Konflikt wahrnehmen – und was diese Unterscheidungen ausblenden. Im Coaching ist Beobachtung zweiter Ordnung ein zentrales Werkzeug: Der Coach nimmt nicht nur das Gesagte wahr, sondern den Rahmen, in dem es gesagt wird. Dadurch werden Muster sichtbar, die für den Klienten selbst unsichtbar sind.
Wie verändert die Beobachterperspektive das Coaching?
Wenn der Coach seinen eigenen Beobachterstandpunkt einbezieht, verlässt das Coaching die Illusion der Neutralität – und gewinnt an Ehrlichkeit und Wirksamkeit. Ein Coach, der so tut, als wäre er neutrale Instanz, blendet seinen eigenen Einfluss auf das System aus. Ein Coach, der seinen Beobachterstandpunkt reflektiert und benennt, schafft eine andere Gesprächsqualität: Er zeigt dem Klienten, dass auch er eine Perspektive hat – und damit die Möglichkeit, andere einzunehmen. Positionswechsel als Intervention folgt exakt dieser Logik.
Was unterscheidet Innen- und Außenbeobachter?
Der Innenbeobachter ist Teil des Systems, das er beobachtet, und hat strukturell bedingte blinde Flecke; der Außenbeobachter sieht andere Dinge, hat aber ebenfalls einen Beobachterstandpunkt – Neutralität gibt es nicht. Deshalb ist ein externer Coach kein neutraler Spiegel, sondern ein Beobachter mit anderem Standpunkt. Dieser andere Standpunkt ist der Wert der Außenperspektive – nicht Objektivität, sondern Andersartigkeit der Unterscheidungen. Im Coaching nutzt Johannes Faupel diesen Unterschied bewusst: Was der Klient nicht sehen kann, weil er im System ist, kann von außen benannt werden.
| Wenn | Dann |
|---|---|
| Sie in einer Situation immer wieder dasselbe sehen | aktivieren Sie immer dieselben Unterscheidungen – ein Hinweis auf den blinden Fleck des Beobachters |
| jemand anderes eine Situation völlig anders beschreibt als Sie | ist das kein Fehler, sondern ein anderer Beobachterstandpunkt |
| Sie sich fragen, wie Ihre Wahrnehmung Sie beeinflusst | beginnen Sie mit Beobachtung zweiter Ordnung |
| ein Coaching-Gespräch neue Perspektiven öffnet | hat der Außenbeobachter seine strukturell anderen Unterscheidungen eingebracht |
| Sie sich sicher sind, die Situation objektiv zu sehen | ist das ein Zeichen dafür, dass der Beobachterstandpunkt nicht reflektiert wird |