Autopoiesis: ein System, das sich selbst erschafft und erhält.

Schema eines autopoietischen Systems nach Maturana und Varela: zirkuläre Organisation, Selbstreproduktion und Systemgrenze

Was bedeutet Autopoiesis?

Autopoiesis bezeichnet die Eigenschaft eines Systems, seine eigenen Bestandteile aus sich selbst heraus zu erzeugen und zu erhalten – das System produziert sich selbst. Der Begriff wurde 1972 von den Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela geprägt: griechisch „autos" (selbst) und „poiein" (machen, erschaffen). Ein autopoietisches System definiert seine eigene Grenze, erzeugt seine Elemente durch seine Operationen und ist operational geschlossen – es nimmt keine Komponenten von außen auf, nur Energie und Information als Störungen, die es selbst verarbeitet.

Wie erklären Sie Autopoiesis einfach?

Eine lebende Zelle ist autopoietisch: Sie erzeugt alle ihre Bestandteile selbst, definiert ihre eigene Grenze und reproduziert sich aus eigenen Mitteln – ohne dass jemand von außen eingreift. Das Blut einer Maus ist kein Bestandteil einer Maus, weil es physisch vorhanden ist, sondern weil die Maus es produziert. Genauso ist ein Gedanke kein Bestandteil des Bewusstseins, weil er irgendwo entsteht – sondern weil das Bewusstsein ihn durch seine eigene Operation hervorbringt. Autopoiesis beschreibt die Logik dieser Selbsterschaffung.

Autopoiesis in Organisationen: wie ein Unternehmen sich selbst reproduziert und auf Veränderungen von außen nach eigenen Regeln reagiert

Was hat Autopoiesis mit Kommunikation zu tun?

Niklas Luhmann übertrug Autopoiesis auf soziale Systeme: Kommunikation erzeugt Kommunikation – ein soziales System reproduziert sich durch seine eigenen Operationen. Luhmann brach damit mit dem intuitiven Verständnis, dass Kommunikation zwischen Menschen stattfindet: Für ihn besteht das soziale System nicht aus Menschen, sondern aus Kommunikationen. Menschen gehören zur Umwelt des sozialen Systems. Diese radikale Perspektive hat praktische Konsequenzen: Veränderungen in sozialen Systemen sind nur möglich, wenn das System selbst sie verarbeitet – nicht durch Druck von außen.

Wo begegnet Ihnen Autopoiesis im Alltag?

Immer wenn eine Organisation auf äußere Kritik reagiert, indem sie ihre eigenen Werte bekräftigt; immer wenn ein Team Neue so sozialisiert, dass es sich selbst reproduziert – das sind alltägliche Autopoiesis-Phänomene. Für das Coaching bedeutet das: Veränderung kann nicht von außen erzwungen werden. Ein Klient verändert sich, wenn das System – sein Denken, sein Selbstbild, seine Kommunikationsmuster – neue Operationen erzeugt. Die Aufgabe des Coachs ist nicht, Veränderung zu produzieren, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen das System selbst neue Möglichkeiten generiert. Mehr dazu im Eintrag zur Selbstreferentialität.

WennDann
Ratschläge nicht ankommenhat das autopoietische System die Information nach eigenen Regeln verarbeitet – und abgewiesen
eine Organisation Veränderungsinitiativen immer wieder abbrichtreproduziert das System sich selbst erfolgreich – Veränderung muss als systeminterne Operation entstehen
jemand sein Muster erkennt, aber nicht veränderthat das Bewusstsein die Information aufgenommen, aber die autopoietische Logik noch nicht neu konfiguriert
ein Coaching-Prozess keine Wirkung zeigtist zu prüfen, ob das System überhaupt bereit ist, neue Operationen zu generieren
sich in einer Organisation immer dieselben Konflikte wiederholenreproduziert das System genau die Kommunikationsmuster, die es kennt